Wieso der Beinbruch immer noch ernster genommen wird als eine kaputte Seele

Meine Freundin Valérie hat hautnah erlebt, wie es sich anfühlt, wenn psychische Erkrankungen nicht ernst genommen werden. Im Gastbeitrag schreibt die ehemalige Leistungssportlerin, wieso das heute noch so ist und welcher Teufelskreis dahinter steckt.

Mit Krankheiten oder Verletzungen umzugehen, ist wohl in fast keinem Fall einfach. Weder in der Position des Betroffenen noch als Angehöriger. Dies ist sowohl mit körperlichen Verletzungen wie auch mit psychischen Krankheiten so. Und die meisten Menschen würden wohl der Aussage zustimmen, dass beide gleichwertig behandelt und besprochen werden sollten. Fakt ist aber: Dies ist absolut nicht der Fall.

Anhand eines eigenen Beispiels kann ich diese unterschiedliche Handhabung darstellen. Vor zwei Jahren hatte ich mir eine gröbere Knieverletzung zugezogen, welche mehrere Operationen zur Folge hatte. Damals noch im Spitzensport aktiv und Mitglied des Nationalkaders, genoss ich eine gewisse Aufmerksamkeit. Die Bestürzung in meinem Umfeld wie auch in der Sportwelt war gross, ich erhielt viel Zuspruch, viele Leute hatten nachgefragt, wollten wissen, wie dies passiert ist, wie es mit meiner Karriere weitergeht. Niemand hat dabei an die psychische Belastung gedacht – auch ich nicht.

Circa ein Jahr später holte mich aber die Psyche ein, vieles aus der Vergangenheit hat mich überrumpelt, vieles kam hoch. Ich begab mich in Therapie, erhielt die Diagnose komplexe Posttraumatische Belastungsstörung, trat stationäre Aufenthalte an. Immer noch im Nationalkader, kommunizierte ich offen über meine Therapie und meine psychischen Probleme. Doch plötzlich war es still um mich herum.

Nur noch wenige fragten nach, niemand wollte wissen, wie es soweit kam, die Berührungsängste waren gross und spürbar – Leute wendeten sich von mir ab. Viele Minuten oder Stunden habe ich mir den Kopf zerbrochen, versucht die Menschen zu verstehen, habe mich und mein Verhalten stark hinterfragt, mein Handeln wie auch das der anderen reflektiert. Was ängstigt die Menschheit so fest, sobald es um die Psyche geht? Weshalb entstehen scheinbar unüberwindbare Mauern, wieso sehen die Leute den einzigen Ausweg in der Abwendung und Ablehnung?

Ich bin auf verschiedene Erklärungsansätze gekommen. Körperliche Verletzungen sind in einem MRI oder Röntgen bildlich darzustellen, ein Knochenbruch ist für jeden sichtbar und verständlich, das medizinische Wissen zeigt auf, dass eine Heilungsdauer in der Regel 6-8 Wochen dauert. Eine PTBS kann man nicht darstellen, die sieht man nicht. Es gibt keine klaren Heilungsverläufe, sie ist schwierig zu greifen und somit schwierig, sich das vorzustellen. Man hat kein Bild dazu.

Viele Leute «meinen es auch nur gut», sie wollen einer betroffenen Person nicht zu nahetreten, haben Angst, durch Fragen noch mehr Salz in die Wunde zu streuen, wissen nicht wo die Grenzen des Gegenübers sind. Aber wieso traut sich jeder zu fragen, ob ich denn je wieder Leistungssport machen kann nach der Knieverletzung, im Wissen, dass mir der Sport alles bedeutet und ein Rücktritt schlimm wäre? Ist dies nicht in der Wunde bohren? Wieso haben alle Angst ich zerbreche, wenn man mich nach meiner psychischen Krankheit fragt, aber der Frage nach meiner «existenziellen» Zukunft kann ich standhalten?

Als psychisch Kranker gilt man schnell als schwach und zerbrechlich, da fragt man lieber nicht zu viel nach. Doch dabei können die Leute, welche in Therapie sind, meistens am besten sagen, wo ihre Grenzen sind, denn sie beschäftigen sich damit. Sie wissen, wieviel sie aushalten, wieviel sie preisgeben wollen. Und ganz grundsätzlich: Wer sich in Therapie begibt, ist schon mal alles andere als schwach, dies zeugt von Stärke. Stärke, Hilfe annehmen zu können, bei sich selbst aufzuräumen, seine Probleme anzugehen, sein Handeln zu reflektieren und anzupassen. Doch so weit überlegen die meisten Menschen nicht.

Es ist viel weniger bekannt über die Psyche als über den Körper, in der Schule wird Anatomie durchgenommen, jedoch nicht die Psyche und deren Krankheiten. Die Leute wissen weniger und vor dem Ungewissen hat man Angst, dies macht unsicher. Also hält man lieber Abstand, distanziert sich, grenzt sich ab.

Dabei geht oft unter, dass wir Betroffenen ganz normale Menschen sind, wir sind handlungs- und absprachefähig, wir führen oft unser eigenes selbstständiges Leben, wir arbeiten, studieren, gehen zur Schule. Wir reden und lachen, wir treffen Leute und treiben Sport. Mit uns kann man sich normal unterhalten, man kann uns fragen und wir könne sagen «hey über das möchte ich nicht reden». Ich persönlich schätze es sehr, wenn jemand auf mich zu kommt, wenn ich die Chance habe, zu zeigen, dass auch ich Mensch bin und nicht Problem, wenn ich zeigen kann, dass so viele Stigmas betreffend der Psyche nicht zutreffen.

Aus all dem ergibt sich dann ein Teufelskreis. Die Betroffenen wagen sich aufgrund der Reaktionen und Angst vor Stigma nicht, über ihre Krankheit zu reden, so bleiben psychische Probleme aber weiterhin unter der Decke und für Aussenstehende ergibt sich gar nicht die Chance, sich auf die Thematik einzulassen. Als Folge resultiert, dass die Berührungsängste und die Unsicherheit bestehen bleiben und sich keine Möglichkeit auf Änderung ergibt.

Mein Fazit aus der ganzen Geschichte: Ich spreche bewusst über meine psychische Krankheit und gehe absichtlich offen damit um. Bisher bin ich damit gut gefahren. Ich werde es weiter so machen.

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