Wie ich es schaffe, trotz meiner psychischen Erkrankungen eine Beziehung zu führen

Borderline, ADHS, Depressionen und komplexe Posttraumatische Belastungsstörung: Mit diesen Diagnosen habe ich zu kämpfen. Und auch an meinem Freund gehen sie nicht spurlos vorbei. Wie wir es trotzdem schaffen, eine Beziehung zu führen.

In meiner Jugend wollte ich immer nur eins: Liebe. Doch einen Partner zu finden, war sehr schwierig- auch aufgrund meiner psychischen Erkrankungen. Ich klammerte oder liess alles mit mir machen, weil ich das Gefühl hatte, dass mich nur so jemand lieben kann. Oder das Gegenteil geschah: Wenn mir jemand gesagt hat, dass er mich mag, liess ich diese Person fallen, weil ich Angst hatte, verletzt oder verlassen zu werden – oder, dass ich die Nähe nicht aushalte.

Dann kam Tim (Name geändert). Irgendwie war bei ihm schon zu Beginn vieles anders. Ich fühlte mich in seiner Nähe wohl und suchte diese aktiv. Ich vermisste ihn, wenn er nicht da war, aber aus irgendeinem Grund klammerte ich nicht. Zurückblickend kann ich sagen, dass es an seinem Wesen, seinem Chrakter und seiner Art lag, dass ich nicht in diese Muster geriet.

Tim ist fürsorglich, intelligent, nicht verurteilend und geduldig. Ein Mix an Eigenschaften, die ich vorher bei keinem Mann feststellen konnte. Vielleicht war es für mich auch deswegen einfach, mich auf ihn einzulassen. Ich spürte, dass er mir den nötigen Raum, aber auch die nötige Sicherheit gab. Ich wusste, dass er kein Typ ist, der mich ausnutzt.

Tim und ich kamen an einem Freitagabend vor etwas mehr als drei Jahren zusammen. Wir waren in der Stadt ein Bier trinken und ging dann zu ihm nach Hause. Tim gab mir Geborgenheit – und er drängte mich zu nichts. Wir schliefen aneinandergekuschelt ein. Seit diesem Tag wohnten wir praktisch zusammen. Fast zwei Jahre lang waren wir keinen Tag getrennt. Das tönt harmonisch, war es aber nicht immer.

Zu Beginn der Beziehung machte ich ungefähr jeden zweiten Tag Schluss. Ich hatte mit dem Gedanken zu kämpfen, dass mich jemand bedingungslos lieben kann. Ich kannte das nicht – meine geschiedenen Eltern brachten mir bei, dass Leistungen zählen und ich nur dann Liebe und Anerkennung bekam, wenn ich etwas gut gemacht habe.

Ich ertrug auch die Angst nicht, dass Tim mich verlassen könnte. Ich wollte die Kontrolle nicht abgeben – und ich wollte diesen Schmerz um jeden Preis vermeiden. Ich dachte mir, dass es mir besser geht, wenn ich Schluss mache, anstatt, dass er mich fallen liess – wie es mein Vater, meine Mutter und einige Männer bereits getan hatten.

Tim war anders als diese Männer. Er liess mich nicht gehen. Er nahm mich in den Arm, wenn ich ihn anschrie. Er sagte mir jedes Mal, dass er mich liebt und dass alles gut wird. Tim hatte das Mittel gefunden, dass unsere Beziehung die erste Phase überlebte.

Nach etwa einem Jahr Beziehung merkte ich, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Ich holte bei einer Psychologin Hilfe. Diese meinte, dass ich ein Burn-Out habe. Nach einigen Wochen Therapie stiess meine Psychologin an ihre Grenzen. Mir ging es zunehmend schlechter – und ich hatte starke Suizidgedanken. Ich wies mich deshalb in eine Klinik ein.

Dort stellte man zum ersten Mal fest, dass ich an Borderline leiden könnte. Anders als ich nahm mein Freund die Diagnose mit Gelassenheit zur Kenntnis. Er besuchte mich jeden Tag in der Klinik, wich nicht von meiner Seite und stand mit mir diese schwierige Zeit durch.

Nach der Klinik ging es mir zwar besser, aber meine Erkrankung machte vieles schwer. Tim aber nahm das Leben mit Leichtigkeit und schaffte es, trotz meiner Krisen, irgendwie seine Balance nicht zu verlieren. Diese Zufriedenheit, die Tim mit sich und seinem Leben hat, ermöglicht es uns bis heute eine stabile Beziehung zu führen.

Mein Leben bekam einen zusätzlichen Sinn, als Tim vorschlug, einen Hund zu kaufen. Ich wollte schon immer einen, aber Tim fand die Idee nicht so toll. Immerhin luden wir uns viel Verantwortung auf. Nachdem aber auch er sich dafür ausgesprochen hatte, kauften wir einen kleinen Labrador. Auch dank ihm, kämpfte ich weiter. Unser Hund verlieh unserem Leben eine Stabilität und eine Struktur. Seine Anwesenheit half mir, wenn ich dissozierte oder ich meinen Alltag selbst strukturieren musste.

Mein Hund und mein Freund sind das Beste, was mir im Leben passieren konnte. Ich lernte das Leben zu schätzen, Nähe auszuhalten und wertzuschätzen. Ich habe immer noch Krisen und Suizidgedanken. Aber durch meine kleine Familie habe ich immer einen Grund weiterzukämpfen.

Es lohnt sich, auf den richtigen Mensch im Leben zu warten, um seine Liebe zu teilen. Das hat Tim mir beigebracht.

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