Das hilft, wenn ich merke, dass eine Krise kommt

An manchen Tagen gehts besser, an anderen weniger: Krisen kommen bei psychisch Erkrankten immer wieder vor. Es gibt Mittel, besser damit umzugehen.

Meine letzte Krise durchlebte ich vor einer Woche, als mir gekündigt wurde. Ich lief weinend und schnappatmend aus dem Gebäude – mitten in eine von Menschen überströmte Einkaufsstrasse. Ich dachte, dass es das gewesen ist. So wollte ich nicht mehr leben. Ich malte mir in meinem Kopf aus, wie ich das Ganze beenden soll.

Ich kann ehrlich sagen, dass dies einer der schlimmsten Tage meines Lebens war. Mein Selbstwert war so tief im Keller, dass ich dachte, ihn nie mehr zu finden. Ich hatte schlimme Zukunftsängste. Die Krise war vorprogrammiert.

Krisen haben oft einen Auslöser. Er ist aber längst nicht immer so sichtbar wie eine Kündigung. Dieser Auslöser ist es aber, der gefunden werden sollte, um künftige Krisen abzuschwächen. Obwohl ich so eine heftige Krise am Tag meiner Kündigung durchlebt habe, habe ich bereits am nächsten Tag den Rank gefunden – weil ich wusste, was mit mir passiert und wieso.

In diesem Blogpost möchte ich meine Erfahrungen mit euch teilen; in der Hoffnung, dass sie auch anderen Menschen helfen.

Lass Gefühle zu, unterdrücke sie nicht

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass unterdrückte Wut einer der Hauptauslöser für Depressionen ist. Auch ich habe gelernt, dass berechtigte Gefühle zuerst zugelassen werden müssen, um diese zu verarbeiten. Nach meiner Kündigung habe ich geweint, viel und immer, wenn ich spürte, dass ich traurig bin. Das hat mir sehr geholfen, weil ich so gütig mit mir umgegangen bin. Ich habe mir immer wieder nett zugesprochen und mir gesagt: „Ja, deine Situation ist scheisse, du darfst traurig sein und weinen.“ Dasselbe gilt für Gefühle Wie Wut, Trauer bei einem Verlust oder auch Freude. Ein tolles Tool, um berechtigte Gefühle zuzulassen, ist das Emotionssurfing:

  • Treten Sie innerlich einen Schritt zurück.
  • Bennene Sie Ihre Emotion.
  • Wie stark ist die Emotion (0-100)?
  • Beobachten Sie Ihre Körperreaktion.
  • Beobachten Sie Ihre Gedanken.
  • Beobachten Sie Ihren Handlungswunsch.
  • Lassen Sie sich Zeit. Sie haben eine Emotion, Sie sind nicht die Emotion.
  • Atmen Sie mit der Emotion.
  • Beginnen Sie wieder bei 1.
  • Sie werden bemerken, wie die Welle abnimmt.

Nachdem ich meine berechtigten Gefühle erkannt und zugelassen habe, geht es darum, mit der Situation zurechtzukommen.

Selbstwert nicht von Aussen abhängig machen

Egal was passiert, wenn man achtsam und liebevoll mit sich umgeht und seinen Selbstwert nicht durch andere abhängig macht (meistens sind es ja eh Menschen, die wir gar nicht so mögen). Es geht darum, sich zu sagen, dass man gut ist, wie man ist und Handlungen sowie Äusserungen von anderen Menschen nicht persönlich nimmt.

Sich seine eigene schöne Welt bauen

Eine wunderbare Seelsorgerin hat mir einmal den Tipp gegeben, meine Welt so zu gestalten, wie sie mir gefällt – ganz nach Pippi Langstrumpf. Heisst: Lasse das in dein Leben, was du möchtest und dir gut tut. Freunde, Familie, Hobbys, Aktivitäten: Mache das, was du möchtest und nicht das, was du musst. Triff dich nicht mit einer Freundin, wenn es dir nachher schlecht geht. Pausiere den Kontakt zu deinen Eltern, wenn sie dich nicht verstehen. Mache keinen Sport, der dir nicht gefällt. Such dir Alternativen. Diese Art zu leben, bewirkt Wunder. Mehr Ich, weniger andere, die über mein Leben bestimmen.

Skills anwenden

In einem älteren Blogpost habe ich mich bereits ausführlich zu Skills geäussert, die mein Leben verändert haben. Skillen bedeutet nämlich nicht nur, bei einer Hochanspannung Chillischoten zu essen, eine Igelball über die Finger gleiten zu lassen oder mit Kieselsteinen im Schuh laufen zu gehen. Skillen bedeutet auch, sich in einer mittleren Anspannung mit schwierigen Gefühlen und Situationen auseinanderzusetzen. Je mehr man dies tut, desto besser kann man künftig schwierig zu bewältigende Situationen meistern. Es geht etwa um Skills, wie radikale Akzeptanz, innere Bereitschaft, Fakten überprüfen oder Stop – Denk. 

Als mir gekündigt wurde, half mir beispielsweise der Skill radikale Akzeptanz. Ich musste mir immer wieder sagen, dass die Situation so ist, wie sie ist. Es hat einen Grund dafür, den ich vielleicht jetzt noch nicht erkenne. Erst durch das radikale Akzeptieren meiner Kündigung konnte ich innere Bereitschaft zeigen: 

  • Man versucht Dinge zu tun, die gar nicht machbar sind. Man versuht Probleme zu lösen, die sich nicht lösen lassen.
  • Man denkt ständig daran, wie es anders sein könnte, anstatt die Situation so zu akzeptieren, wie sie gerade ist.
  • Man bleibt passiv, obwohl handeln erforderlich wäre.
  • Man will alles unter Kontrolle haben, auch das, was man gar nicht kontrollieren kann.
  • Man handelt, als ob es wichtiger wäre Recht zu haben, anstatt ein Ziel zu erreichen.

Mit den Skills Fakten überprüfen und Stop – Denk habe ich zuletzt realisiert, dass ich Optionen habe, das ich nicht vor dem Nichts stehe. Es gibt tausende tolle Jobs und es gibt finanzielle Unterstützung für Menschen, die sich in solch einer Situation befinden. Heute bin ich erleichtert über die Kündigung. Es ist meine Chance auf einen Neuanfang. Und es ist meine Chance mich von doofen Menschen in meinem Leben – wie mein Chef einer ist – zu trennen.

Skills halfen mir, meine Krise gut zu managen, von Suizidgedanken wegzukommen und weiter zu machen. Und das tolle daran: Jedes weitere Mal wird die Krise einfacher. Sie fühlt sich immer weniger intensiver an – und sie wird kürzer.

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