Ein Tabu brechen: Männer und psychische Erkrankungen

Männer, die weinen, sind keine echten Männer. Solche Stigmatisierungen halten sich bis heute. Die Gesellschaft muss sie loswerden. Denn sie fordert Todesopfer.

Mehr Frauen leiden an Depressionen als Männer. Trotzdem nehmen sich mehr Männer das Leben. Warum ist das so? Gründe dafür gibt es zahlreiche, dennoch sticht einer hervor: Männer gestehen sich psychische Krankheiten und Störungen weniger häufig ein. Sie holen sich folglich weniger Hilfe. Und das resultiert wiederum darin, dass sie selbst einen Ausweg aus ihrem Leid suchen.

Das muss nicht sein. Wir als Gesellschaft tragen hier eine Verantwortung, die es schleunigst anzugehen gilt. Dafür braucht es einen Wandel im Denken.

Männer, die weinen und über ihre Probleme sprechen, sind schwach. Dieses Vorurteil haftet an unserer Gesellschaft wie ein Kaugummi an einem Schülerpult. Es ist nicht einfach, diesen abzulösen, aber es ist möglich.

Die Erziehung ist gefragt: Aussagen wie «Ein Indianer kennt keinen Schmerz» oder «Das tut doch gar nicht so weh, hör auf zu weinen» sind Gift für Kinder. Sie lernen so, dass ihre Gefühle, die sie nun einmal fühlen, unberechtigt sind. Kinder lernen, Gefühle zu unterdrücken oder sie anderweitig, auch inadäquat zu äussern. Das kann im Jugend- und Erwachsenenleben zu Schwierigkeiten führen – nicht zuletzt können sich auch Störungen wie Borderline entwickeln.

Die Erziehungsfrage betrifft nicht nur Männer, sondern Frauen und trans Menschen gleichsam. Trotzdem, so habe ich zumindest das Gefühl, sind Tränen oft schon im Kindesalter bei Buben weniger berechtigt als bei Frauen. Diese Aussage ist natürlich nicht generalisierbar. Aber es würde erklären, wieso Männer schon als Kinder dazu getrimmt werden, ihre Gefühle weniger zulassen zu dürfen.

Im Jugend- und Erwachsenenalter manifestiert sich die Sozialisierung der Männer zu Lebewesen, die ihre Emotionen im Griff halten sollen/müssen. Das wird im Militär gelernt, aber auch in der Schule oder durch andere Erwachsene. Das Rollenbild des starken Mannes, der seine Familie beschützen und ernähren muss, ist immer noch gang und gäbe. Das kann Männer unter enormen Druck setzen.

Anstatt zu weinen und ihren Gefühlen adäquat Ausdruck zu verleihen, neigen Männer vor allem im Jugendalter dazu, ihrem Emotionsleben durch Wut und Gewalt Ausdruck zu verleihen. Bei Borderline-Patienten ist dies augenscheinlich: Viele Männer, die an dieser Störung leiden, schneiden sich nicht selbst, wie es die meisten Borderline-Patientinnen tun. Nein, Borderliner werden aggressiv und kommen mit dem Gesetz in Konflikt.

Diese Wechselwirkung zwischen einer Persönlichkeitsstörung und Wutausbrüchen scheint unserer Gesellschaft zu weiten Teilen verborgen. Auch deshalb wird Männern, die straffällig geworden sind, oft zu wenig adäquat auf therapeutischer Ebene geholfen. Und auch in der Gesellschaft allgemein werden diese Männer als Kriminelle abgestempelt. Die Ursache solcher Emotionsprobleme und die Möglichkeiten, welche Therapien bringen, gehen dabei häufig in Vergessenheit.

Das ist tragisch, weil wir als Gesellschaft so verkennen, wie wir Menschen, die Hilfe benötigen, Hilfe anbieten können – und wir vertun eine Chance, dem Problem von (jugendlicher) Kriminalität teilweise zuvor zukommen.

Auch wenn es um Depressionen geht, wird die Symptomatik bei Männern oft nicht erkannt, weil sie sie verstecken oder weil sie eben nicht ernst genommen wird. «Sei doch keine Pussy!» (Achtung Sexismus) oder «Reiss dich zusammen», sind häufige Ratschläge, die psychisch Erkrankte hören müssen. Das hilft in keinster Weise. Man stelle sich nur einmal vor, jemand würde das einem Menschen sagen, der sein Bein gebrochen hat. Psychische Erkrankungen sind Krankheiten, die nicht einfach durch Willen und gut Zureden geheilt werden können.

Es gibt Frauen und viel mehr Männer, die sich genau wegen solch stigmatisierenden Äusserungen keine Hilfe holen. Sie haben Angst an den Rand gedrängt, als schwach angesehen zu werden und gestehen sich selbst ihre Krankheit nicht ein.

Suizide werden dann oft als Ausweg betrachtet. Obwohl dies kein Ausweg ist. Es kommt immer besser. Depression ist eine Krankheit, die geheilt werden kann. Da Suizide oft im Affekt geschehen, sind sie so unberechenbar. Deshalb ist es unsere Aufgabe als Gesellschaft, die Grundproblematik bereits vorher zu erkennen und Lösungen zu suchen. Meist ist diese ganz simpel: Gefühle Gefühle sein lassen, Problem und Schwierigkeiten anerkennen, Verständnis zeigen, zuhören und darüber reden – bei Frauen, trans Menschen gleichsam wie bei Männern.

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Suizidgedanken – was tun?

Holen Sie sich Hilfe:

Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da.

Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefon 143, www.143.ch

Beratungstelefon Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefon 147, www.147.ch

Weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch

Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben:

Refugium – Verein für Hinterbliebene nach Suizid: www.verein-refugium.ch

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils: www.nebelmeer.net

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