Zwischenmenschliche Beziehung: Was, wenn Patienten und Therapeutinnen sich zu nahe kommen?

Valérie durchlebt eine Phase, in der sie sich nicht sicher ist, ob sie und ihre Therapeutin sich zu Nahe sind. In diesem Blog beschreibt sie die Herausforderung damit umzugehen und zu welcher Erkenntnis sie gelangt ist.

Beziehungen – und somit das Thema Abgrenzung – beschäftigt jeden Menschen. Es gibt Freundschaften, Partnerschaften, professionelle und geschäftliche Beziehungen und viele weitere Formen. Die therapeutische Beziehung ist eine spezielle Form von zwischenmenschlichem Kontakt und dementsprechend ist es auch die Abgrenzung. Sie ist weder eine Freundschaft noch eine oberflächliche Geschäftsbeziehung. Es kann schwierig sein, die einzelnen Rollen einzuhalten und die Grenzen sind schneller verschwommen als man beabsichtigt.

Meine Psychologin habe ich durch mehrere Aufenthalte in der Klinik schon gekannt, bevor wir zusammen die Therapie gestartet haben. In meinen Augen entsprach sie dem perfekten Bild: lustig, freundlich, professionell, sicher und obwohl sie erst vor 2-3 Jahren ihr Studium beendet hatte, wies sie eine unglaubliche Kompetenz auf.

Als ich dann erfuhr, dass sie nur ein paar Jahre älter ist als ich, bin ich regelrecht in ein Loch gefallen. Wie ist es möglich, so ein perfektes Leben zu führen – mit 26 Jahren? Wie schafft sie es, alles so im Griff zu haben? Ich hatte wirklich Mühe damit umzugehen. Als ich dann zu ihr wechselte und die Traumatherapie begann, löste sich dieses Bild langsam auf.

Einerseits weil ich selber viel lernte und erkannte, dass es nicht erstrebenswert ist, ein perfektes Leben zu führen. Und anderseits, weil sie sich langsam öffnete und ich sah, dass auch sie nur ein Mensch ist. Längstens hat sie nicht alles so im Griff wie ich dachte. Sie hat teilweise ganz ähnliche Probleme und Anliegen wie ich, zeigte sich ab und zu vulnerabel und erzählte aus ihrem privaten Leben. Und dies wiederum berührte mich, ich fühlte mit ihr, konnte sie immer besser spüren. Ich begann sie nicht nur als Therapeutin zu mögen, sondern auch als Mensch.

In der Traumatherapie spielt Vertrauen eine grosse Rolle und dieses Vertrauen konnte ich aufbauen – dank dem, dass sie sich mir auch ein wenig transparent zeigt, mich hinter die dicke professionelle Wand schauen liess. Ich bin überzeugt, dass dies nötig war, damit ich ihr all die Inhalte der Therapiesitzungen erzählen konnte, damit ich einschätzen konnte wie sie reagiert – oder vor allem wie sie nicht reagiert (keine Bewertung, kein Fallen lassen etc).

Seit bald einem Jahr bin ich nun bei ihr, die Beziehung wurde näher, Gespräche fanden immer öfters mal ausserhalb der Therapie statt, man entdeckte ähnliche Interessen und Parallelen. Wir machten Witze, manchmal mit sehr schwarzem Humor, man neckte sich gegenseitig, provozierte sich. Von Aussenstehenden bekam ich die Rückmeldung, dass erkennbar sei, wie gut wir uns verstehen und dass wir auf derselben Wellenlänge seien.

Trotz oder gerrade wegen dem war die Qualität der Therapie hoch, wenn man ernst sein musste war man das, wenn es nötig war, dass meine Psychologin laut wurde, weil ich sonst in eine Dissoziation abschweifte, tat sie das. Und: Es wurde immer angesprochen, was angesprochen werden musste.

Dennoch: Die Grenzen sind nicht mehr so klar wie zu Beginn der Therapie und ich merke, dass ich manchmal Mühe mit der Abgrenzung habe. Ich kann mich abgrenzen, ich weiss recht genau, wieviel ich wann erzählen darf, was in ein Therapiegespräch gehört und was man ausserhalb sagen darf. Doch es ist auch schwierig, sich von einem Menschen abgrenzen zu «müssen», den man mittlerweile auch als Person mag und nicht nur als Therapeuten.

Doch ich lernte auch, dass ich mich nicht um die Grenzen anderer kümmern muss, dass jede/r selber verantwortlich ist zu sagen «bis hier und nicht weiter». Manchmal fällt es mir schwer, diese Verantwortung abzugeben, aber seit ich mir dies wirklich zu Herzen genommen habe, fällt mir auch der Umgang mit der Abgrenzung leichter.

Wieviel Nähe braucht es in der Traumatherapie und wann ist man sich zu nahe? Wieviel Professionalität ist nötig und wo darf man die Grenzen mal verschwimmen lassen? Ich beschäftige mich zurzeit stark mit diesen Fragen, eine klare Antwort habe ich noch nicht gefunden. Doch ich glaube, solange es für beide Seiten stimmt und die Therapie keinen Schaden trägt, dann ist es auch egal, wie nahe man sich steht. Auch wenn das mal über die Abgrenzung hinaus ist.

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