Ich wurde vergewaltigt

In der Schweiz wird Sex gegen den eigenen Willen nicht in jedem Fall als Vergewaltigung taxiert. Noch nicht. Dabei würde dies das Leid von Betroffenen mindern – wie meines.

Ich freute mich riesig auf mein Date mit Kai (Name geändert). Ich hatte schon eine Weile ein Auge auf ihn geworfen und mich immer gefreut, wenn er mir eine Nachricht schrieb. Kai und ich kannten uns durch unser gemeinsames Hobby, dem wir jedes Wochenende nachgingen. Er war kein Fremder. Ich kannte seine Freunde, er meine.

Dann war es endlich so weit. An einem Freitag verabredeten wir uns in einer Bar in der kleinen Agglomerationsgemeinde, in der er wohnte. Ich erinnere mich noch genau an die Stunden, bevor ich ihn traf. Ich zog eine dunkelblaues seidenartiges Hemd an, darunter ein schwarzer enganliegender Rock mit Leggings. Bevor ich meine Wohnung verliess, schoss ich noch ein Selfie vor dem Spiegel, der im Zimmer meines Mitbewohners stand. Ich fand mich schön und war stolz auf dieses Bild.

Voller Selbstbewusstsein stieg ich in den Zug. Ich mag mich noch erinnern, dass mich eine Frau angesprochen hat. «Du wirkst glücklich. Wo geht es hin?», fragte sie mich. Es scheint, als hätte sich mein zufriedenes Selbst positiv auf andere, wildfremde Menschen ausgewirkt. «Ich habe ein Date mit einem tollen Mann», antwortete ich der fremden Frau. Wir quatschten noch ein wenig, bis ich schliesslich dort angekommen war, wo ich erwartet wurde.

Kai stand bereits am Gleis und wartete auf mich. Er begrüsste mich herzlich und schlug vor, in eine Bar zu gehen. Wir redeten, lachten, hatten Spass. Es schien, als bewegten wir uns auf einer Wellenlänge. Ich fühlte mich wohl bei Kai. Auch darum bejahte ich seine Einladung, zu ihm nach Hause zu gehen, um dort noch etwas zu trinken.

Ich kannte Kai, dachte ich. Ich sehe ihn regelmässig. Ich kenne seine Freunde, er meine. Ich konnte ihm vertrauen, er wird mir nichts Böses tun, dachte ich.

Diese Annahmen bewahrheiteten sich. Zumindest zu Beginn unserer Fortführung des Dates bei ihm zu Hause. Dann bat er mich, bei ihm zu bleiben. Kai wollte nicht, dass ich so spät noch alleine auf den Zug gehe und meine Heimreise, die über eine Stunde dauerte, alleine in Angriff nahm. Ich fühlte mich geborgen und war eingenommen von Kais fürsorglicher Art. Nach einer Bedenkzeit stimmte ich schliesslich zu, bei Kai zu übernachten.

Mit dieser Entscheidung begann mein Alptraum. Kai änderte seine Art, mit mir umzugehen, von der einen auf die andere Sekunde. Er begann, den Alkohol in sich reinzuschütten. Plötzlich riss er mich in sein Schlafzimmer, öffnete seine Nachttischkommode und zeigte mir seine Waffe. Er bedrohte mich nicht. Aber er schüchterte mich ein. Absichtlich.

Er bat mich, in sein Bett zu liegen. Ich war völlig überfordert, mein Körper erstarrte. Ich begriff, dass Kai mit mir schlafen wollte. Ich sträubte mich dagegen. Mehrmals sagte ich Kai, dass ich das nicht möchte. Er ignorierte mich, legte sich auf mich und hatte Sex mit mir. Ich lag völlig regungslos auf dem Rücken, meine Augen waren offen und Tränen kullerten mir die Wangen runter. Ich konnte mich nicht wehren.

Als Kai fertig war, stieg er aus dem Bett und ging ins Wohnzimmer. Er trank Alkohol. Reichlich. Ich lag im Bett, alleingelassen, völlig hilflos und verängstigt. Bis ich einschlief. Das passierte nicht, weil ich müde war oder mich wohl fühlte. Nein. Mein Hirn und mein Körper mussten abschalten. Sie mussten sich schützen. Bis zum Morgen, als ich endlich die Wohnung von Kai verlassen konnte.

Ich mag mich nicht erinnern, wie ich nach Hause gekommen bin. Ich kann mich auch nicht erinnern, wie ich mich die Tage danach gefühlt habe. Ich weiss nur, dass ich verdrängt habe. Ich redete mir ein, dass ich selber Schuld an der Sache bin. Schliesslich war ich diejenige, die bei Kai übernachtet hat. Schliesslich hatte ich mich so aufgebrezelt.

Es brauchte Jahre, bis ich realisierte, dass das, was Kai mit mir gemacht hatte, nicht okay war. Noch immer plagen mich Schuldgefühle. Diese waren auch der Grund, wieso ich mich nie einer meiner Ärzte und Psychologinnen anvertraut habe. Bis vor einem Jahr. Bis ich meine jetzige Psychologin kennenlernte.

Schuldgefühle resultieren nicht nur aus meiner Wahrnehmung, sondern sie werden mir auch von unserer Gesellschaft auferlegt. Sätze wie «Die ist doch selbst schuld, dass ihr das passiert ist» oder «Die Mädchen ziehen sich heutzutage auch so an, als wollten sie vergewaltigt werden», sind keine Seltenheit. Kein Wunder, brauchen Betroffene wie ich eine lange Zeit, bis wir uns selbst eingestehen können, dass wir nicht Schuld sind, wenn wir sexuell missbraucht worden sind.

Kein Wunder, landen solche strafrechtlich relevanten Taten nicht vor Gericht. Nach Jahren, in denen man mit Schuldgefühlen hadert, sind alle Beweise vernichtet. Und: Wer schenkt einem Glauben? Sexueller Missbrauch geschieht hinter verschlossenen Türen. Diesen zu beweisen, ist kaum möglich. Die Kraft für ein juristisches Verfahren würde im Sand verlaufen, denken viele Betroffene und viele Fälle haben dies schon bewiesen.

Kommt hinzu: Das, was mir passiert ist, wird in der Schweiz nicht einmal als Vergewaltigung taxiert, sondern höchstens als sexuelle Nötigung. Grund: Bei einer Vergewaltigung muss der Täter das Opfer bedrohen, Gewalt anwenden, es unter psychischen Druck setzen oder zum Widerstand unfähig machen. Was viele nicht kapieren: Betroffene können sich meist gar nicht wehren, weil sie in eine Schockstarre verfallen. Meist muss der Täter also gar keine Gewalt anwenden, physischen Druck aufsetzen oder das Opfer zum Widerstand unfähig machen.

Als Betroffene wünsche ich mir, dass der Schweizer Rechtsstaat Opfer sexueller Übergriffe besser schützt – und vor allem ernst nimmt. Dies kann nur passieren, wenn der Begriff der Vergewaltigung neu definiert, sprich unser Sexualstrafrecht neu überdenkt wird. Nein heisst nein. Das müssen Täter und auch der Rechtsstaat lernen zu begreifen.

Agota Lavoyer, stellvertretende Leiterin und Beraterin von Lantana, der Opferhilfe bei sexueller Gewalt, schlägt gar vor, die Ja-heisst-Ja-Regel einzuführen. «Dann würde klar im Gesetz stehen, dass es für Sex immer die Zustimmung aller Beteiligten braucht. Dies wäre auch ein wichtiges Signal an die Gesellschaft», sagte sie einst in einem Interview. Als Betroffene von sexuellem Missbrauch kann ich nur hoffen, dass ein solches Signal bald folgt – und wir weiteren Frauen und unseren Töchtern ein solches Schicksal ersparen. Denn die Folgen eines solchen Übergriffs sind fatal und dauern Jahre.

Dies thematisiere ich in meinem Blogbeitrag: Die Vergewaltigung nach der Vergewaltigung (https://bordiblog.ch/2021/01/02/die-vergewaltigung-nach-der-vergewaltigung/)

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