Wie entsteht Borderline?

Wie entsteht Borderline? – Eine Geschichte

An der Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden rund zwei Prozent der Bevölkerung. Doch wie entsteht die Krankheit?

Ich stehe vor dem Fenster und will springen. Zuvor habe ich meine Mutter und meinen Bruder mit einem Messer angegriffen. Die Polizei steht vor meiner Zimmertür und klopft. Ich, knapp vierzehn Jahre alt, tue so, als ob ich sie nicht hören würde. Ich fühle mich schuldig, wertlos, missverstanden. Ich will sterben.

Wie konnte es so weit kommen? Meine Kindheit war nicht schön. Meine Eltern liessen sich scheiden, als ich acht Jahre alt war. Mein Vater verliebte sich in eine Andere beim Arbeiten. Er verliess uns und zog zu ihr. Mein Bruder und ich durften ihn an manchen Wochenenden sehen. Doch plötzlich war Schluss damit.

Ich kann mich heute nicht mehr genau erinnern, was geschehen ist. Meine Mutter meint, dass mein Vater uns nicht sehen wollte. Mein Vater erzählt, dass meine Mutter Mühe damit hatte, dass wir seine neue Freundin zu fest gern bekommen. Ich weiss nicht, was genau stimmt. Ich vermute, dass beides eine Rolle gespielt hat.

Auf jeden Fall endete die Scheidung meiner Eltern damit, dass ich meinen Vater acht Jahre nicht mehr gesehen habe. Ich habe viele Tränen geweint – und meine Angst, verlassen zu werden, war kaum mehr zu bändigen.

Auch meine Mutter war in dieser Zeit keine grosse Stütze. Sie hatte selbst massive Probleme mit sich und ihrem Leben. Ich vermute heute, dass sie selbst an einer Persönlichkeitsstörung leidet. Sie selbst wollte sich nie Hilfe holen. Die Welt sei böse, nicht sie. Sie tue ihr Bestes. Kritik mag sie kaum vertragen.

Meine Kindheit war nicht von Liebe geprägt. Im Gegenteil: Ich wurde emotional von meiner Mutter missbraucht. Sie machte mich für alles verantwortlich: Dass sie alleine und einsam ist, dass mein Vater uns verlassen hat, dass sie sich nicht erholen kann.

Unsere Familie war zerbrochen. Gemeinsames Essen gab es nicht. Meine Mutter mochte oft nicht kochen. Wir assen in unseren Zimmern – vor dem TV, den wir, als wir sechs oder sieben Jahre alt waren, bekommen haben. Hauptsache, meine Mutter hatte ihre Ruhe. Ausser TV-Schauen hat sie sich in ihrer Freizeit kaum mit etwas beschäftigt.

Ich mag mich erinnern, dass ich einmal von einer Freundin in den Europapark eingeladen wurde. Meine Mutter verbot es mir. Ich solle doch zuerst einmal mehr mit meiner eigenen Familie unternehmen, hiess es. Heute meint meine Mutter, sie habe mich nicht gehen lassen, weil sie sich schämte, dass wir kein Geld hatten und ich eingeladen werden musste. Auch hier: Die Wahrheit liegt irgendwo zwischendrin.

Liebe bekam ich von meiner Mutter, wenn ich Erfolg hatte – beispielsweise im Leistungssport, den ich seit ich acht Jahre alt war, betrieben habe. Meine Mutter fuhr mich in meine vielen Trainings, begleitete mich an Wettkämpfe, filmte meine Rennen und analysierte sie mit mir. Ich genoss die Aufmerksamkeit von ihr. Als ich sie darauf ansprach, dass ich gerne mehr Liebe von ihr hätte und nicht „nur“ Anerkennung durch Geld, das sie in meinen Sport investierte, rastete sie aus. Ich sprach das Thema nie mehr an.

Als ich ins Teenager-Alter kam, begann meine Karriere im Leistungsport zu bröckeln. Ich wollte die Welt entdecken, in den Ausgang gehen, auch einmal Alkohol trinken. Ich entschloss, mit dem Sport aufzuhören.

Es war eine schwierige Zeit. Meine Mutter war sehr enttäuscht von mir. Ich spürte das und entfernte mich immer mehr von ihr. Ich rebellierte, betrank mich. Mit 14 Jahren wurde ich praktisch ohnmächtig von zwei Freunden nach Hause gebracht. Ich kotzte mein Bett voll. Zuvor hatte ich eine ganze Vodka-Flasche innert 10 Minuten getrunken – und mir dabei noch einen Zahn ausgeschlagen.

Mein Leben ging so weiter. Ich rutschte in schlechte Beziehungen ab, nahm Drogen, trank viel zu viel Alkohol und kam teils nächtelang nicht nach Hause. Meine Mutter war enttäuscht und besorgt. Verständnis bekam ich aber nie. Sie liess mich machen, sie kam nicht mehr an mich heran – und probierte es auch nicht richtig.

Als ich dann den Kontakt zu meinem Vater suchte, war die Beziehung zu meiner Mutter definitiv kaputt. Mein Bruder, der von der schlechten Behandlung meiner Mutter verschont blieb, beschimpfte mich. Ich rastete aus. Es kam zum Messerangriff.

Meine Mutter wollte mich in ein Heim stecken. Ich wehrte mich und rief meinen Vater an, der mich schliesslich zu sich nach Hause holte.

Doch auch diese Beziehung stand unter einem schlechten Omen. Mir ging es oftmals schlecht. Mein Vater realisierte das und auch die Diagnose Borderline stand im Raum. Gehandelt wurde aber nicht. Ich machte mit meinem exzessiven Leben weiter. Es kam zu Wutausbrüchen gegen meinen Vater. Bis er mich schliesslich vor die Tür stellte – mit 16 Jahren.

Ich war seither auf mich alleine gestellt. Zuerst musste ich eine Bleibe finden. Eine WG war undenkbar für mich, weil ich Angst vor engen Beziehungen hatte. Ich suchte mir ein Studio. Mein Vater wollte den Vertrag zuerst nicht unterschreiben, machte es dann aber doch, als meine Lehrerin intervenierte.

Fortan lebte ich allein. Es war hart und ich stand einige Male vor dem Abgrund. Irgendwie habe ich es aber geschafft, mich teilweise zu fangen. Ich führte zwei Leben: exzellente Schülerin und substanzenabhängige Partyprinzessin. Ich schaffte es irgendwie, diese Welten nebeneinander aufrechtzuerhalten,

Heute habe ich einen Studiumsabschluss und habe eine erfolgreiche Karriere in meinem Job hingelegt. Meine Störung stellt mir aber bis heute ein Bein. Ich bin arbeitsfähig, aber nur bedingt. Mein Leistungsdrang nimmt Formen an, die dazu führen, dass ich immer wieder in heftige Krisen schlittere. Aber ich habe Hilfe und will mein Leben in den Griff bekommen.

Woher kommt Borderline? Sicher ist ein Teil vererbbar – oder zumindest die Tendenz, dass man an Borderline erkrankt. Aber auch äussere Faktoren spielen eine Rolle: ein invalidierendes Umfeld, Mobbing, einschneidende Erlebnisse in der Kindheit. Bei mir ist es eine Mischung aus beiden Faktoren: Erbgut und Umwelt.

Ich möchte Kinder haben. Ich bin mir bewusst, dass ich mein Erbgut inklusive der erhöhten Wahrscheinlichkeit für psychische Erkrankungen weitergeben werde. Den zweiten Faktor aber kann ich beeinflussen: Wie ich meine Kinder behandle und aufwachsen lasse. Und ich weiss jetzt schon, dass ich durch mein Handeln und das Hilfeholen bessere Voraussetzungen habe als meine Eltern.

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