Stigmatisiert und tabuisiert: Wie die Gesellschaft Suizide verhindern kann

Suizid stellt für viele psychisch Erkrankte ein Ausweg aus ihrer Misere dar. Warum es auch anders geht und wieso die Gesellschaft hier eine tragende Rolle einnimmt.

Mit 1000 Fällen pro Jahr ist Suizid einer der häufigsten Todesursachen in der Schweiz. Durch Suizide sterben mehr Menschen als an Verkehrsunfällen und Drogen zusammen. Dennoch wird über Suizid im Vergleich zu anderen Themen weniger gesprochen. Das ist fatal.

Die Stigmatisierung und Tabuisierung führt dazu, dass Betroffene sich nicht getrauen über Suizidgedanken- und absichten zu sprechen. Dabei ist genau das einer der wichtigsten Präventionsmassnahmen. Unterstrichen wird dieser Fakt dadurch, dass mehr Männer als Frauen Suizid begehen – dies, obwohl statistisch gesehen mehr Frauen an Depressionen erkranken.

Das Problem ist offensichtlich und hausgemacht: Männer wollen und können weniger über ihre psychische Erkrankung sprechen als Frauen. «Ein Indianer kennt kein Schmerz.», «Männer weinen nicht.» oder «Sei doch nicht so eine Pussy.» sind Sätze mit denen Männer aufwachsen. Sie werden darauf sozialisiert, dass psychische Probleme zu überwinden reine Willenssache ist. Obwohl dies bei Männern offensichtlich verstärkt geschieht, ist es eben nicht nur ein geschlechterspezifisches Problem, sondern ein gesellschaftliches. Denn auch trans Menschen und Frauen sind mit der Stigmatisierung von Suizid, psychischen Erkrankungen und Störungen, sowie den gesellschaftlichen Erwartungen konfrontiert.

Die Lösung scheint auf der hand zu liegen: Suizid muss entstigmatisiert werden. Es darf kein Tabu mehr sein, wenn Menschen über ihre Suizidgedanken und -absichten sprechen. Und die Gesellschaft muss lernen adäquat auf solche Äusserungen reagieren zu können. «Es kommt schon wieder gut, reiss dich zusammen», ist dabei nicht die richtige Aussage, mit denen man suizidgefährdeten Menschen entgegenen sollte.

Doch wie reagiert man richtig auf Menschen, die den Suizid als Lösung ernsthaft in Erwägung ziehen? Antworten auf diese Frage liefert der ensa-Kurs, der von der Stiftung Pro Mente Sana angeboten wird. Es handelt sich um einen Ersthelferkurs, der Laien in die Lage versetzen soll, auf Betroffene in psychischen Schwierigkeiten zuzugehen und Erste Hilfe leisten zu können.

«Meist erhalten psychisch Erkrankte zu spät Hilfe», sagt Roger Staub, Geschäftsführer von Pro Mente Sana.Zwar würden Betroffene bereits früh merken, dass es ihnen nicht gut gehe. «Sie wollen es aber nicht wahrhaben. Das liegt daran, dass die Stigmatisierung und die Tabuisierung von psychisch Erkrankten in unserer Gesellschaft immer noch fest verankert ist», sagt Staub.

Die Angst vor den Reaktionen zwinge Betroffene meist zum Schweigen. «Leichte Depressionen, die eigentlich gut behandelbar sind, können sich unbehandelt zu schweren Depressionen entwickeln», sagt Staub. Diese zu behandeln, sei dann sehr herausfordernd.

Deshalb sei es für jeden wichtig, zu wissen, wie mit psychisch Erkrankten umgegangen werden könne. Der ensa-Kurs lehre den Teilnehmenden die fünf Schritte der Ersten Hilfe mit der Abkürzung ROGER. R stehe dabei für reagieren, nicht warten. «Das O bedeutet offen und unvoreingenommen zuhören und keine blöden Sprüche fallen zu lassen oder die Situation zu bagatellisieren», sagt Staub.

Es gehe weiter mit G für gib Informationen. E stehe für Ermutigen zu professioneller Hilfe und R für Ressourcen aktivieren. Im Unterschied zum physischen Nothelferkurs gehe es bei psychischen Problemen meistens nicht um Notfälle und Krisen, so Staub. «Es ist klar, dass der Kurs aber Notfälle verhindern kann. Und: Man lernt auch, wie mit Krisen umgegangen werden soll.»

«Wenn alle Leute diese Grundsätze und die psychisch Erkrankten verstehen würde, wäre diese Welt eine bessere», sagt Staub.

Schwierig wäre die Umsetzung keinesfalls. Eine Kursteilnehmerin, die von 20min.ch interviewt worden ist, schlägt vor, dass man den Umgang mit suizidgefährdeten Menschen auch im ‹normalen› Nothelferkurs lernen würde.

Zeitgemäss wäre dies allemal.

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Suizidgedanken – was tun?

Holen Sie sich Hilfe:

Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da.

Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefon 143, www.143.ch

Beratungstelefon Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefon 147, www.147.ch

Weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch

Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben:

Refugium – Verein für Hinterbliebene nach Suizid: www.verein-refugium.ch

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils: www.nebelmeer.net

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