Emotional missbraucht: Warum Kinder ihre Eltern loslassen müssen

Während wir Kind sind, idealisieren wir unsere Eltern. Das ist lebensnotwendig. Doch umso härter ist der Fall, wenn uns bewusst wird, dass unsere Eltern alles andere als perfekt sind. Dann braucht es Mut, loszulassen.

Eltern oder in manchen Fällen Erziehungsberechtigte vermitteln ihren Kindern Werte, die als Handlungsanweisungen dienen, sich in der Welt zurechtzufinden. Als Kinder hinterfragen wir diese Lebensanleitungen nicht. Wir können gar nicht. Denn wer, wenn nicht unsere Eltern, weiss über die Welt Bescheid? Wer, wenn nicht unsere Eltern, kann uns Fertigkeiten beibringen? Kurzum: Kinder sind von ihren Eltern abhängig, weil sie noch Kinder sind, sonst wären sie ja erwachsen.

Diese emotionale Abhängigkeit ist auch ein Grund, warum Kinder die Schuld bei sich suchen, wenn etwas zu Hause nicht so läuft, wie es sollte, etwa, wenn die Eltern sich scheiden lassen oder in einem krasseren Fall, wenn häusliche Gewalt an der Tagesordnung steht. Weil eben die Eltern von Kindern idealisiert werden, müssen Kinder einen anderen Grund finden, wieso etwas passiert, das nicht ins Muster passt. Sie nehmen die Schuld auf sich: «Meine Eltern lassen sich scheiden. Das liegt an mir. Wieso habe ich es ihnen nicht leichter gemacht. Wieso musste ich immer so quängeln» oder «Meine Eltern streiten sich andauernd. Das liegt an mir. Ich bin eine solche Belastung für sie.»

Noch schlimmer wird die Situation für Kinder, wenn die Eltern diese Schuldgefühle verstärken, indem sie dem Kind tatsächlich zu verstehen geben, dass es Mitschuld trägt – obwohl dies rein rational betrachtet nie der Fall ist. Kinder sind Kinder.

Diese Schuldgefühle verschwinden nicht mit dem Älterwerden. Sie ziehen sich durchs Leben. Meist unbemerkt. Denn viele Betroffene sind sich ihrer Schuldgefühle gar nicht bewusst. Sie sind sich darüber hinaus auch nicht bewusst, dass diese Schuldgefühle verantwortlich für einen geringen Selbstwert sein können oder für eine Unfähigkeit, mit Wut umzugehen. Letztere ist eine häufige Ursache für Depressionen.

Schuldgefühle aus der Kindheit betreffen viele Menschen, die später nicht an einer psychischen Erkrankung oder Störung leiden. Das hat verschiedene Gründe: Man kann damit umgehen oder man holt seinen Selbstwert von irgendwem oder irgendwo anders.

Fakt ist aber: Menschen, die in ihrer Kindheit (emotionalem) Missbrauch ausgesetzt waren, von psychisch belastenden oder erkrankten Eltern aufgezogen wurden oder gar keine Bezugspersonen hatten, leiden als Erwachsene häufiger an psychischen Erkrankungen und Störungen. Kein Wunder: Das Urvertrauen, das man in der Kindheit entwickelt, ist angeschlagen oder komplett zerstört. Missglückte Bindungserfahrungen führen nicht selten zu psychischen Störungen wie etwa Borderline. Diese Störung ist unter anderem durch Verlustängste, geringen Selbstwert und verzweifeltes Bemühen, nicht allein zu sein, gekennzeichnet.

Egal, ob Eltern im Erwachsenenleben noch eine Rolle spielen oder nicht: Betroffene müssen sich psychisch von diesen lösen oder die unangenehmen Erfahrungen mit ihnen zusammen aufarbeiten. Letzteres ist nicht immer einfach, denn Eltern sind oder wollen sich der eigenen Zulänglichkeiten nicht bewusst gemacht werden. Schwierig ist aber auch die mentale Abkoppelung von den eigenen Eltern. Sie ist unabdingbar, wenn eine gemeinsame Aufarbeitung keinen Erfolg verspricht. Das Schlüsselwort heisst loslassen.

Wir sind unseren Eltern nichts schuldig. Schon gar nicht, wenn sie dafür sorgen, dass wir uns schlecht fühlen. Das muss gar nicht absichtlich geschehen. Doch der Fakt, dass es so ist, lässt darauf schliessen, dass die Beziehung einem nicht gut tut. Dabei Grenzen zu setzen und für sich einzustehen, ist der Schlüssel zur Besserung. Gelingt dies nicht, sind Betroffene auf Dauer von ihren Eltern emotional abhängig. Schuldgefühle oder alte Muster, die uns nicht gut tun und in die wir uns immer wieder verfangen, lassen sich so nur schwer überwinden.

Doch wie löst man sich von seinen Eltern? Eine schwierige Frage, auf die es kein Patentrezept gibt. Wichtig scheint mir eine klare Kommunikation: «Hey Mami, unsere Beziehung tut mir nicht gut. Ich brauche eine Pause.» oder «Hey Papi, ich möchte keinen Kontakt zu dir. Du hast mir wehgetan und tust es immer noch. Ich kann das so nicht.» Dass dies auf der Gegenseite nicht für Freudentaumel sorgt, braucht wohl keine hellseherischen Fähigkeiten. Das muss es aber auch nicht. Schlussendlich geht es darum, dass man selbst vorankommt und heilen kann. Seinen Eltern eine Chance zu geben, sich zu verbessern, ist dabei nicht verkehrt. Diese Chance sollte sich aber nicht ins Unendliche ziehen. Den leiden tut am Schluss nur jemand: das Kind.

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